Factoring kein Allheilmittel, aber ...

Dr. Johann Gneist Warum Factoring den Weg von der Exotik in den Alltag der Finanzierungsformen geschafft hat und angesichts von Basel III mehr und mehr an Bedeutung gewinnen wird, erläutert Unternehmensberater und Wirtschaftstreuhänder Johann Gneist.

Herr Dr. Gneist, Ihr Unternehmen ist eine Steuer- und Unternehmensberatung, die auch grenzüberschreitend in Richtung Ungarn tätig ist. Als solche beraten Sie viele Wirtschaftstreibende und kennen deren Herausforderungen im Bereich der Liquiditätssicherung aus erster Hand. Was hat Sie dazu geführt, Factoring für die Unternehmen Ihrer Klienten zu empfehlen?

Dr. Johann Gneist: Wir erleben es oft, dass Klienten auf der einen Seite vergleichsweise hohe Forderungsbestände aufweisen und auf der anderen Seite ihre Umsätze mit teuren Kontokorrentkrediten finanzieren. Dann gibt es oft auch die Situation, dass bestehende Kreditlinien nicht ausreichen, aber die Banken aufgrund ihrer geänderten Vorschriften nicht mehr so einfach einer Ausweitung der Linien zustimmen können. Factoring ist also ein sehr gutes Mittel, um gebundenes Kapital in Liquidität umzuwandeln – und das in der Regel zu Kosten, die nicht viel über jenen von Kontokorrentfinanzierungen liegen.

Wann haben Sie zum ersten Mal mit Factoring Erfahrungen gemacht?

Gneist: Mit Factoring habe ich schon etliche Jahre Erfahrung. Abgesehen davon, dass es Formen von Factoring schon seit mehreren hundert Jahren gibt – ich kann mich noch gut daran erinnern, als zu meiner Studienzeit vor ca. 20 Jahren das Factoring eher als "exotische" Finanzierungsform gegolten hat. Dies hat sich aber in den letzten Jahren aus meiner Sicht grundlegend geändert und Factoring ist zu einem immer "gewöhnlicheren" Finanzierungsinstrument geworden, das heute fast schon als "alltäglich" bezeichnet werden kann. Überhaupt: Als Mitte 2005 die Regelung gefallen ist, dass Geschäftspartner ihren Lieferanten kein absolutes Zessionsverbot mehr auferlegen dürfen, habe ich erlebt, dass Factoring mehr und mehr den Einzug in die Unternehmen gefunden hat.

Wie sind Ihre Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Factoring bei Ihren Klienten (Abwicklung, etc.) aus heutiger Sicht?

Gneist: In der Regel sehr unkompliziert und einfach. Die Ausgangsfakturen werden periodisch (oft sogar täglich) elektronisch an das Factoring-Institut übermittelt und oft noch am gleichen Tag – spätestens jedoch am darauffolgenden Tag – ist das Geld am Konto und man kann darüber verfügen. Die Factoring-Institute haben auch für jeden ihrer Kunden kompetente Ansprechpartner, sodass eine reibungslose Kommunikation und Abwicklung möglich ist.

Aus welchen Geschäftsbereichen (Produktion, Handel, etc.) stammen Ihre Klienten, die mit Factoring arbeiten?

Gneist:
Eigentlich aus fast allen Branchen und Geschäftsbereichen mit Ausnahme von Bau und Baunebengewerbe. Dort ist es bekanntermaßen schwierig, während des Baufortschrittes die Leistung exakt abzugrenzen – auch bei schlussgerechneten Leistungen ist oft der dann letztendlich akzeptierte Gesamtbetrag nicht von vornherein klar und es dauert manchmal sehr lange, bis hier die letzten Differenzen zwischen Bauherrn und ausführendem Unternehmen geklärt sind. Gleiches gilt für weitere Branchen oder Leistungen, die auf Basis von Werkverträgen basieren.

Aber ansonsten haben wir bemerkt, dass überall dort, wo eine klare, transparente und abgeschlossene Leistungserbringung erfolgt, das Instrument Factoring sinnvoll eingesetzt werden kann.

Welche Vorteile aus der Sicht eines Wirtschaftstreuhänders/Steuerberaters sehen Sie für Ihre Klienten bei der Nutzung von Factoring in den aktuell volatilen Zeiten?

Gneist: Wenn ein Unternehmen ausreichend Eigenkapital bzw. eigene Finanzmittel in Form von freier Liquidität hat, dann hat Factoring natürlich keine Vorteile – aus meiner Erfahrung heraus trifft das aber auf den geringeren Teil der Unternehmen zu.

Eine Finanzierung über Factoring reihen wir in die Working-Capital-Finanzierung ein, also die Finanzierung des operativen Geschäftsbetriebes bzw. des Umsatzes. Gerade in den von Ihnen angesprochenen aktuell volatilen Zeiten wird es aufgrund verschiedener Umstände immer schwieriger, Finanzierungen über Banken zu bekommen, da diese auch ihre strenger gewordenen Vorschriften einhalten müssen. Und da ist es eben einer der wichtigsten Vorteile, dass mittels Factoring das Working Capital optimal finanziert werden kann.

Wenn unsere Kunden ausreichend liquide Mittel haben, ist es in der Regel ein Zeichen, dass das Geschäft gut läuft und dass sie ihr Unternehmen "im Griff" haben.

Ach ja, und ein angenehmer "Nebeneffekt" für uns Wirtschaftstreuhänder ist, dass wir bei der Erstellung der Jahresabschlüsse durch das Factoring eine plausible Überprüfung der Forderungsstruktur haben. Überaltete Forderungen fallen ja aus dem Factoring heraus und stellen somit ein erstes "Alarmsignal" dar. 

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