Moderne Lösungsansätze zur Liquiditätssicherung

Dr. Hubert Schmitt Warum Factoring einen erzieherischen Aspekt hat und "klassische Bedenken" längst nicht mehr gelten, lesen Sie im Interview mit Wirtschaftstreuhänder Hubert Schmitt.

Ihr Unternehmen ist eine Wirtschaftstreuhandkanzlei in Wien, mittlerweile in der dritten Generation. Als solche beraten Sie eine Reihe von Wirtschaftstreibenden und kennen deren Herausforderungen im Bereich der Liquiditätssicherung aus erster Hand. Was hat Sie dazu geführt, Factoring für die Unternehmen Ihrer Klienten einzusetzen bzw. zu empfehlen?

Dr. Hubert Schmitt: Die Entwicklung geht in Richtung verstärktem Eigenkapitalaufbau für Unternehmen. Dabei gilt es mehrfache Herausforderungen zu meistern. Grundsätzlich ist festzustellen, dass derzeit eine restriktivere Kreditvergabe zu verzeichnen ist, d.h. Kapital ist schwieriger zu bekommen. Hier sind moderne Lösungsansätze zur Liquiditätssicherung gefragt.

Eine der Möglichkeiten des Eigenkapitalaufbaus ist natürlich, die Entnahmen aus dem Unternehmen zu reduzieren. Die bestehende Steuerprogression ist jedoch hier nicht gerade förderlich. Hier ist Factoring aus meiner Sicht ein geeignetes Instrument, um die Liquidität eines Unternehmens zu optimieren, auch wenn dessen Umsätze etwa aufgrund von Saisongeschäften entsprechenden Schwankungen unterliegen.

Wie sind Ihre Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Factoring?

Schmitt: Die Vorteile des Factoring sind nicht zu übersehen. Dabei ist interessant zu bemerken, dass es sogar zu einem erzieherischen Effekt durch eine Verbesserung der Zahlungsmoral von Kunden unserer Klienten kommt. Kein Kunde möchte von einer Bank – welche ja in der Regel hinter einer Factoring-Firma steht - zur Zahlung überfälliger Forderungen angemahnt werden und dadurch befürchten, selbst negative Beurteilungen zu erhalten. Somit haben wir gesehen, dass Kunden oftmals ihre Rechnungen wesentlich schneller begleichen als früher ihre Zahlungen an unsere Klienten ohne Factoring.

Ein weiterer Aspekt ist, dass das "lästige" Mahnwesen von KMUs unserer Erfahrung nach in der Regel eher vernachlässigt bzw. als zweitrangig betrachtet wird. Durch Factoring kann das jedoch an die Factoringgesellschaft ausgelagert werden. Durch die dort automatisierten Vorgänge wird das Mahnwesen professionell gehandhabt, spart dem Klienten Kosten und es wird das unangenehme Mahnwesen ausgelagert. Dadurch bleibt in der Regel bei Mahnungen das Gesprächsklima zwischen Kunden und Klienten (Lieferanten) ungetrübt.

Aus welchen Geschäftsbereichen stammen die Klienten, bei denen Sie mit Factoring zusammenarbeiten?

Schmitt: Sie stammen aus den unterschiedlichsten Bereichen, hauptsächlich Handel und Produktion.

Welche Vorteile sehen Sie für Ihre Klienten bei der Nutzung von Factoring in den aktuell volatilen Zeiten?

Schmitt: Einer der wesentlichen Vorteile sind reduzierte Außenstandszeiten der Forderungen, die erhöhte Liquidität und damit ein verbessertes Bilanzbild, was in weiterer Folge zu einer besseren Bonität der Unternehmen und dadurch zu einem besseren Rating führen. Dies ist wieder mit einer niedrigeren Zinsbelastung verbunden.

Bei gutem Cashmanagement können die Vorteile der durch Factoring gesicherten Liquidität weiters zur Skontoausnutzung eingesetzt werden. Alleine da liegt sehr viel Potenzial für den Unternehmer. Unternehmen sind unabhängiger von der Umsatzentwicklung, verfügen über eine gesicherte Finanzierung, die sich den Verminderungen oder Steigerungen anpasst und kontrollieren das Risiko etwaiger Zahlungsausfälle.

Welche Vorteile sehen Sie für die Lieferanten Ihrer Klienten bei der Nutzung von Factoring?

Schmitt: Die Lieferanten kommen ihrerseits wesentlich schneller zu ihrem Geld und dadurch ist wiederum ihre eigene Liquiditätssituation optimiert. Durch die gesicherte Liquidität brauchen sie sich vor Zahlungsausfällen jener Kunden nicht zu fürchten, die Factoring nutzen. Zahlungsziele sind somit kein Problem mehr.

Bei den von Ihnen genannten Vorteilen überwiegen die positiven Aspekte doch bei weitem. Warum nutzen Ihrer Meinung nach österreichische Unternehmen die Vorteile von Factoring noch zurückhaltend im internationalen Vergleich?

Schmitt: Das weiß ich nicht und ist mir auch unerklärlich. Aus Sicht unserer Kanzlei jedenfalls sprechen wir mit unseren Klienten über Factoring. Eine Reihe unserer Klienten nutzt Factoring. Die Klienten sind damit sehr zufrieden und wir sehen die daraus resultierenden positiven Ergebnisse in deren Bilanzen.

Offenbar ist es für viele Berater gar nicht so einfach, ein Umdenken bei den Unternehmern herbeizuführen. In jedem Fall sehe ich die ehemals klassischen Bedenken (Factoring ist teuer, wer Factoring nutzt, ist vom "Pleitegeier" bedroht, usw.) als völlig unbegründet.

Aufgrund solcher immer noch vorhandenen klassischer Bedenken hinkt Österreich bei der Nutzung von Factoring leider hinterher. Hier ist sicherlich das Marketing aller Anbieter gefordert. Viele Berater empfehlen ihren Klienten diese geeignete Form der Finanzierung, die Umsetzung selbst obliegt allerdings dem Unternehmer selbst. Und da ist man in vielen Ländern offenbar wesentlich weiter als in Österreich. 

Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Entwicklung und deren Notwendigkeiten in Anbetracht der aktuellen Krise und dem kommenden Basel III?

Schmitt: Sicherlich wird die Situation für alle Beteiligten nicht einfacher, auch wenn noch nicht klar ist, wie Basel III sich auswirken wird. Leider verfüge ich nicht über hellseherische Fähigkeiten. Derzeit hat man ohnedies mit der konkreten Umsetzung von Basel II ausreichend zu tun. In jedem Fall läuft es darauf hinaus, dies habe ich bereits eingangs erwähnt, dass der Eigenkapitalaufbau einerseits und die Liquiditätssicherung andererseits ein absolutes Muss darstellen. Und Factoring ist definitiv eine gute Möglichkeit hiefür.

Vielen Dank für das Gespräch.